Je mehr Englisch du hörst und liest, desto verwirrender wird die Sprache vermutlich. Warum sagt diese Person „bored of“, obwohl du „bored with“ gelernt hast? Warum steht in einem Text „no matter if“ und in einem anderen „no matter whether“? Warum gibt es scheinbar 20 Arten, um jemandem einen schönen Tag zu wünschen? Und warum benutzen Leute die englischen Zeiten nicht so, wie du sie gelernt hast?
Wer beginnt, sich mit authentischer Sprache auseinanderzusetzen, merkt schnell: It’s messy.
Und wenn das bedeutet, dass du viele Fragen hast, ist das ein gutes Zeichen:
- du beobachtest Sprache in der freien Wildbahn
- du gleichst neuen Input mit dem ab, was du kennst
- du drehst dich nicht weg sondern stellst Fragen.
Und glücklicherweise gibt es Tools, die dir helfen, Fragen zu „Englisch in freier Wildbahn“ zu beantworten. Für sowas gibt es nämlich Korpus-Tools.
Was ist ein Korpus?
Ein Korpus ist eine riesige Sammlung von Texten — Wikipedia-Artikel, Zeitungsartikel, Blogposts, Forumsbeiträge und transkribierte Gespräche. Das Besondere an Korpora ist, dass diese Textmengen in einer Datenbank gesammelt werden, die dann systematisch durchsucht werden kann. Du kannst also fragen:
- Welche Wörter stehen normalerweise neben diesem Wort?
- Welche Variante kommt häufiger vor?
- In welchen Kontexten taucht dieser Ausdruck auf?
Du benutzt Korpora übrigens schon: Moderne Wörterbücher bauen auf solchen Textdatenbanken auf, und sogar Generative KI wie ChatGPT und Claude hat riesige Textmengen „unter der Haube“, die im Wesentlichen nach ähnlichen Prinzipien analysiert werden:
- Welche Wörter stehen mit welchen Wörtern zusammen?
- Wenn ich dieses Wort habe – was kommst da am wahrscheinlichsten als nächstes?
Das Collins Dictionary war eines der ersten Wörterbücher, das Beispielsätze aus einem Korpus echter Sprache verwendete — keine konstruierten Laborsätze, sondern Sprache, die Menschen wirklich geschrieben und gesprochen haben. Wenn du also ein einsprachiges Wörterbuch benutzt, profitierst du schon von Korpus-Daten.
Mit Korpus-Tools kannst du noch einen Schritt weiter gehen und direkt eigene Fragen stellen, die das Wörterbuch vermutlich so nicht beantwortet. Wörterbücher helfen dir ja, übliche Bedeutungen, Formulierungen und Wortkombinationen zu zeigen (im Wörterbuch findest du sie unter „Collocations“). Wenn du aber wissen willst, „was sonst noch geht“, hilft dir ein Korpus-Tool weiter.
Welche Fragen kann ich mit Korpus-Tools beantworten?
Korpus-Tools sind für drei Arten von Fragen besonders nützlich:
- Dies oder das? Heißt es „bored of“ oder „bored with“? Sagt man „a large problem“ oder „a big problem“? Geht beides? Und wenn ja: Was ist häufiger?
- Welche Wörter gehören zusammen? Welche Verben stehen typischerweise mit einem bestimmten Nomen zusammen? Welche Präposition folgt auf dieses Wort?
- In welchen Situationen kommt dieses Wort vor? In welchen Kontexten wird das Wort “propose” benutzt? Ist das formeller als “suggest”?
Welche Korpus-Tools gibt es – und wann nehme ich welches?
Nicht jedes Tool beantwortet jede Frage gleich gut. Hier ist eine kurze Übersicht über die Tools, die ich in meinem „Werkzeugkasten“ habe und auch häufig empfehle.
Ganz generell: Korpus-Tools sind an sich nicht unbedingt nur für fortgeschrittene Lernende geeignet. Aber du solltest schon ein bisschen Geduld mitbringen. Außerdem hilft es, wenn du ganz grob die Wortarten kennst oder zumindest nicht nervös wirst, wenn jemand „Verb“ sagt.
Skell
Skell ist besonders dann geeignet, wenn du nach Beispielsätzen suchst. Außerdem findest du gute Übersichtstabellen mit typischen Wortkombinationen. Skell ist also besonders nützlich, wenn du ein Wort in seiner natürlichen Umgebung kennenlernen möchtest. Mehr dazu gibts hier in meinem Tooltipp zu Skell.
Netspeak
Netspeak ist das Tool für konkrete „dies oder das“-Fragen. Du kannst zwei Varianten direkt vergleichen und siehst sofort, welche häufiger vorkommt. Netspeak beantwortet Fragen zu Kombinationen aus bis zu 5 Wörtern – das macht es prima geeignet für präzise Fragen zu Wortkombinationen. Mehr dazu in meinem Tooltipp zu Netspeak.
Google Ngram
Google Ngram benutze ich eher selten, weil es nur mit geschriebener Sprache arbeitet – es arbeitet mit einem Korpus aus digitalisierten Büchern. Was aber spannend an Google Ngram ist: Du kannst sehen, wie häufig ein Wort im historischen Vergleich benutzt wurde. Das kann spannend sein, wenn du ein Wort in einem Buch findest und dir nicht sicher bist, ob das noch “modern” ist.
KI-Tools und DeepL
Auch KI-Tools wie Claude, ChatGPT und auch DeepL arbeiten im Prinzip mit ähnlichen Daten – also mit riesigen Textmengen, die dann nach statistischen Wahrscheinlichkeiten ausgewertet werden (Welches Wort kommt hier als nächstes? Welche Wortkombination in Sprache A entspricht vermutlich dieser Wortkombination in Sprache B?).
Der wesentliche Unterschied liegt einerseits darin, dass KI-Tools viel intuitiver benutzt werden können: Du kannst einfach eine Frage stellen. Dafür kannst du andererseits aber nicht nachvollziehen, woher das Ergebnis kommt. Im schlimmsten Fall behauptet das Tool dann sehr überzeugend etwas, das nicht stimmt.
Und: Spezialisierte Korpus-Tools beantworten viele Fragen viel „schlanker“ – du brauchst weniger Zeit, bekommst eine präzise Antwort und bleibst dann auch nicht in einem Folgedialog mit Claude hängen (der natürlich die Energiekosten deiner Anfrage erhöht, just saying).
Das richtige Tool für die richtige Frage
Das ist ganz wichtig: Spezialisierte Korpus-Tools sind nicht die erste Anlaufstelle für jede Englisch-Frage. Du kannst Korpora ja auch indirekt nutzen, wenn du DeepL oder einsprachige Wörterbücher verwendest. Die expliziteren Tools, die ich hier nenne, kommen dann ins Spiel, wenn du es mal genauer wissen willst – vor allem, wenn du nach Nuancen suchst oder unsicher bist, wie du mit einer Version der Sprache umgehen sollst, die du so noch nicht kennst.
Wenn du dir übrigens nicht so sicher bist, welches Tool du für welche Frage benutzen solltest – oder wenn du nicht vergessen möchtest, wann es sich lohnt, nach einem Korpus-Tool zu greifen, solltest du dir unbedingt meinen „Tool Decision Maker“ herunterladen. Das ist keine komplette Tool-Sammlung, sondern einfach meine aktuelle Werkzeugkiste, inklusive der Fragen, die auch meinen Coaching-Kund*innen helfen, das passende Tool zu wählen.
