Januar 22

Wie kann ich mein Englisch verbessern?

Und, kannst Du es hören? Auch diesen Januar wieder? Los, mach was, setz Dir Ziele, gute Vorsätze! Werde ein Morgenmensch. Mach Yoga. Lern. Eine. Sprache.

Und Du fragst Dich vielleicht gerade jetzt: Wie kann ich mein Englisch verbessern? Wer diese Frage bei Google eingibt, bekommt viele Tipps. Oft sogar gute. Aber warum lernen dann nicht alle Deutschen fröhlich, erfolgreich und eigenständig Englisch?

Tipps und Materialien gibt es viele. Aber warum lernen dann nicht alle Deutschen fröhlich, erfolgreich und eigenständig Englisch?

Plakativ gesagt: Niemand will Englisch lernen. Englisch können - das wäre schön. Englisch lernen - naja. Und Hand aufs Herz: „Ich müsste mal an meinem Englisch arbeiten” klingt nicht nach einem Vorsatz, den man durchzieht. Egal, wie viele Tipps Google ausspuckt.

Niemand will Englisch lernen. Englisch können - das wäre schön. Englisch lernen - naja.

Dann sind da noch die anderen Probleme:

"Ich habe schon so viel ausprobiert und nichts bleibt hängen!"

"Ich habe keine Zeit für einen Kurs!"

"Ich war noch nie gut in Sprachen!"

"Ich finde keinen Lehrer, der zu mir passt!"

"Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll!"

Solche Gründe sind nicht aus der Luft gegriffen. Aber sie lenken vom eigentlichen Problem ab: Wer loslegen will, braucht ein echtes Ziel.

Warnung: dies ist keine Anleitung zum Englischlernen.

Du siehst es schon. In diesem Artikel gibt es keine Anleitung zum Englischlernen. Eher eine Anleitung zum Anfangen.

Dafür brauchst Du keinen Lehrer. Oder Materialien. Oder eine App. Du kannst sofort loslegen. Und dann vielleicht nochmal googeln.

Aber effektiver.

Schritt 1: Wohin willst du?

Allgemeinplatz: Menschen machen, was sie wollen.
Umkehrschluss: Menschen, die etwas wollen, handeln eher.

Problem: Menschen wollen viele Dinge. Und manchmal wissen sie gar nicht, was sie wollen.

Deshalb lesen Lehrer, Eltern und Marketing-Experten einen Berg an Literatur zu Motivation. Und wer zum Coach geht, fängt auch oft so an: Ich komme nicht richtig ins Handeln. Heißt: Ich kriege den A**** nicht hoch. Und weiß nicht, warum.

Natürlich geht es hier nicht um Deinen Lebensweg, sondern ums Sprachenlernen. Trotzdem: Stell Dir ruhig mal die Sinnfrage.

Übung: Die Sinnfrage stellen

Warum willst du dein Englisch verbessern?
Was würde sich in deinem Leben verändern?
Wie würde sich dein Leben dadurch verbessern?

Echt? Englisch als Lebensbereicherung?

Ja, aber natürlich. Warum machst Du es sonst?

Englisch zu lernen kostet Dich Zeit und Nerven. Warum um alles in der Welt würdest Du Deinen sowieso schon überlasteten Arbeitsspeicher noch voller knallen, wenn es nicht Dein Leben verbessert?

Also sei Dir klar darüber, warum Du so viele Ressourcen investieren willst.

Vielleicht hast Du eigentlich keine Lust, aber gute Gründe, Englisch zu lernen. Noten. Versetzung. Die Zulassung zum Studium. Geld. Beförderung. Interessante Projekte bei der Arbeit.

Oder Du hast ganz konkrete Interessen: im Ausland studieren, Computerspiele spielen, englische Filme schauen. Im Beruf selbstsicher Englisch sprechen und schreiben.

Oder Du hast Lust und bist neugierig? Grammatik ist ein intellektuelles Spiel? Akzente sind Dein Ding? Du schaust sowieso am liebsten Filme im Original? Findest andere Kulturen einfach toll?

Der innere Kompass

Wenn Du Dich ehrlich fragst, warum Du Englisch lernen willst, überraschst Du Dich vielleicht selbst. Denn unsere Motivationen haben oft etwas mit unseren Werten zu tun. 

Bill Burnett und Dave Evans beschreiben das als inneren Kompass. In ihrem Buch "Designing Your Life: Build a Life that Works for You" raten sie, Fragen zu stellen, wie: Welche Werte sind Dir wichtig? Wie siehst Du die Welt? Welche Rolle spielen andere Menschen? Welche Rolle spielt Arbeit?

Dieser Kompass dient als Entscheidungshilfe. Passt das, was ich mache, zu mir? Will ich diesen Schritt gerade zwar nicht tun, aber langfristig bringt er mich in die richtige Richtung?

Du willst nicht Dein Leben neu designen, sondern Englisch lernen?

Ach, es muss ja nicht immer um die großen Lebensfragen gehen, damit wir uns mal überlegen, warum wir tun, was wir tun.

Ein bisschen tiefer zu graben, hat mehrere Vorteile:

  • Du bleibst eher dran
    Sprachenlernen ist ein Marathon, und nicht alles macht Spaß. Aber wenn Du ein Ziel hast, darf es auch mal anstrengend sein.
  • Du planst langfristig und kurzfristig
    Wenn Du eine deutlichere Vorstellung von deinen Zielen hast, kannst Du auch die nächsten Schritte leichter einschätzen. 
  • Du übernimmst Verantwortung
    Wenn Du weißt, warum Du das alles machst, suchst Du Dir gezielt Informationen, Ressourcen und Hilfen. Sonst macht es nämlich keiner.
  • Du hast viel mehr Freude am Lernen
    Echt.

Wenn Du weder in Übung 1 noch in Übung 2 so richtig weitergekommen bist, stellt sich die Frage, warum Du überhaupt darüber nachdenkst, Englisch zu lernen.

Vielleicht brauchst Du nur ein paar Denkanstöße?

Sprich mit anderen Leuten. Frag Freunde, deine Familie, deinen Tutor.

Wenn du danach zu dem Schluss kommst, dass du ganz ehrlich wirklich und auch allein im Bad vor dem Spiegel KEINEN Grund findest, Englisch zu lernen: Mach es nicht. Oder zumindest jetzt nicht. 

Aber wenn du bis hierher gelesen hast, gibt es sicher einen Grund, warum dir Englisch im Kopf herumgeistert.

Schritt 2: Wo bist du?

Wo bin ich? Wohin gehe ich?

Und? Wo stehst Du gerade mit Deinem Englisch? Genau da wirst Du anfangen. Egal, wo das gerade ist.

Start where the learner is.

- alle Mentoren, Ausbilder und Fachautoren, deren Meinung ich jemals zum Thema gehört habe

Anfänger?

Wenn Du wirklich noch gar kein Englisch kannst, oder sehr wenig, brauchst Du erstmal Grundlagen. Das funktioniert gut in Kursen, online, offline, mit Büchern oder Lehr-Videos. 

Viele Anfänger stellen außerdem z.B. schon ihren Computer auf Englisch um, überfliegen Nachrichten oder Sachtexte in ihrem Arbeitsfeld oder schauen sich auf Pinterest & Co. englische Inhalte an - weil sie Englisch längerfristig für die Arbeit, soziale Kontakte oder ein Hobby brauchen.

Es gibt so viele Angebote da draußen - mach Dir Gedanken dazu, was Du erreichen willst, bevor Du losziehst. Such Dir Kurse oder Materialien aus, die Dich vielleicht schon von Anfang an in Deinen Zielen unterstützen.

Kein Anfänger?

Ich frage meine Schüler manchmal, ob sie sich eine Sprachnote auf einer Skala von 1 bis 10 geben könnten. Im schlimmsten Fall landen sie bei einer entmutigten 2, meistens aber auf einer unsicheren 5 oder 6. Und sogar sehr fortgeschrittene Lerner geben sich oft nur eine 8, wissen aber nicht immer, warum.

Ich rate Dir, mit konkreten Fragen anzufangen:

Übung: Wann benutzt Du Englisch?

Hörst Du Englisch? Wann? Wo? Was hörst Du?

Liest Du Englisch? Wann? Wo? Was liest Du?

Sprichst Du Englisch? Wann? Wo? Mit wem? Worüber?

Schreibst Du Englisch? Wann? Wo? Worüber?

Anstatt jetzt zu bewerten, wie „gut” Du in jedem Bereich bist, konzentriere Dich eher darauf, wie sicher Du Dich jeweils fühlst: Wie geht es Dir, wenn Du Englisch sprichst, hörst, sprichst, schreibst? Ist das von Situation zu Situation unterschiedlich? Sei so konkret wie möglich.

Burnett und Evans benutzen in ihrem Buch das Bild eines Tachos mit zwei Messnadeln - eine für Energie, eine für Engagement. Auch dieses Bild lässt sich prima aufs Englischlernen übertragen.

Wie viel Energie hast Du, wenn Du beispielsweise im Büro Emails auf Englisch schreibst? Fühlst Du Dich hinterher frisch (positiver Wert)? Oder bist Du total ausgelaugt (negativer Wert)?

Engagement steht für Interesse, Einsatz, Neugier. Bist Du total dabei, oder schaltest Du immer wieder geistig ab?

Übung: Wie gehts Dir dabei?

Mach eine Liste mit konkreten Situationen und Aufgaben, für die Du Englisch brauchst. Male jeweils einen Tachometer für Engagement und Energie. Oder mach eine Skala von 1 bis 10, egal, ist ja Deine Analyse.

Denk kurz darüber nach, warum Du besonders hohe oder niedrige Werte bekommst. Liegt es an den Menschen, mit denen Du dabei zusammen bist? Am Ort? Am Druck? An der Tageszeit?

So bekommst Du ein deutlicheres Bild von Deinen Prioritäten. Wo gehts Dir schon super? Wo würdest Du gerne am Tacho drehen?

Der Vorteil: besser suchen.

Irgendwo muss man ja anfangen, und Du hast jetzt sicherlich schon eine bessere Vorstellung davon, wo es losgehen soll. Du googelst nicht mehr „Tipps zum Englischlernen”, sondern sowas wie „Englisch hören in Meetings” oder „Englisch sprechen Small Talk mit Geschäftskontakten” oder oder oder. Was, welche Fähigkeit, in welchem Kontext, warum.

Genauere Suche, relevantere Treffer.

Schritt 3: Etappen planen

Als Nächstes willst Du ins Machen kommen. Dafür brauchst Du wieder Ziele. Dieses Mal nicht die großen, die noch weit weg und unheimlich erstrebenswert sind.

Setz Dir realistische kurzfristige und mittelfristige Ziele. Klar kann Dein Ziel sein, fließend Englisch zu sprechen, aber eher nicht innerhalb der nächsten 4 Wochen, wenn Du bei 0 anfängst.

Zu große Ziele sind nämlich auch so eine Prokrastinationsfalle.

Wenn ich mir vornehme, bis Ostern einen Marathon zu laufen, weiß ich, dass ich das nicht schaffe. Super. Dann kann ich auch gleich auf der Couch bleiben und Jane the Virgin schauen! „Ich schaffe das eh nie” ist ein toller Trick, um nicht loszulegen. 

Übung: Teilziele setzen

Das Ziel: Wie geht es beim nächsten Mal ein bisschen einfacher? Weniger energieraubend. Mit mehr Spaß?

An welcher Situation oder Aufgabe willst Du arbeiten?
Was machst Du jetzt schon, um Dich in diesem Bereich sicherer zu fühlen? Was könnte Dein nächster Schritt sein?

Ich hatte einmal einen Deutsch-Studenten, der sich Sorgen um seine Lesefähigkeiten machte. Er musste im Sprachstudium Literatur analysieren, fand es aber unheimlich schwierig, die Texte zu verstehen. Eigentlich hatte er Lust, weil ihn die deutsche Geschichte und Kultur interessierte (Engagement), aber er fand es irrsinnig anstrengend, gefühlt jedes zweite Wort zu übersetzen (Energie).

Wo sollte er also loslegen? Vokabeln pauken? Nee: Sportnachrichten lesen. 

Wir fanden heraus, dass er gerne und oft Motorsportnachrichten auf Deutsch las. Einfach so, weil es Spaß macht. Der Tacho für diese Aktivität sah ganz anders aus, natürlich auch, weil die Texte einfacher gestaltet und die Vokabeln nicht so neu waren.

Also empfahl ich ihm, weiter Sportnachrichten zu lesen, dabei aber gezielt seine Lesestrategien zu trainieren. Die, die er dann auch für literarische Texte benutzen konnte. Im Ernst? Ja, zumindest am Anfang. Am Literatur-Tacho kann man dann nach und nach schrauben.

Und Du? Woran arbeitest Du? Hören, Lesen, Sprechen, Schreiben? Was machst Du schon? Was wäre der nächst-schwierigere Schritt?

Schritt 4: Ausrüstung sortieren

So. Jetzt hast Du ein großes schönes wichtiges Ziel. Du hast eine Liste mit Aktivitäten, an denen Du im Moment knabberst. Du hast kleinere konkretere Ziele.

Dafür planst Du konkreter und beachtest Deine momentane Situation.

Übung: Was funktioniert bei mir?

Welche Arten von Übungen hast Du schon ausprobiert?

Was hat gut geklappt?

Was nicht so sehr? Warum?

Wann lernst Du gerne? Wann kannst Du lernen?

Wo lernst Du gerne? Wo kannst Du lernen?

Mit wem lernst Du gerne?

Welche Hürden gibt es?
 - ich meine jetzt nicht sowas wie die App, die Du erst noch kaufen musst, oder Geld für eine Auslandsreise. Sei ehrlich: was sind echte Hürden, die Dich JETZT am Lernen hindern?

Wie legst Du trotzdem los und bleibst auch am Ball?
Lerngruppe? Lernpartner? Belohnung? 

Schritt 5: Losgehen

Nimm dir ein Teilziel vor und geh los. Aber welches Teilziel sollst Du wählen? Ich würde dir raten, entweder ein Wichtiges oder ein Attraktives auszusuchen.

Worauf hast du Lust?

Was hat gerade Priorität?

Wenn Du eine Prüfung bestehen musst, hast Du eher wenige Wahlmöglichkeiten. Wenn Du aber nur für Dich arbeitest, hast Du viel mehr Handlungsfreiheit. Das ist einerseits toll, weil Du selbst entscheidest, was du machen willst. Andererseits ist es aber auch schwierig, weil Dich niemand in den Hintern tritt.

Dann kannst du also genauso gut mit etwas anfangen, auf das du Lust hast.

Zusammenfassung: Wo fange ich an, wenn ich mein Englisch verbessern will?

1

Ziele:

Warum willst Du Englisch lernen?

2

Kompass:

Nochmal: Werde Dir klar über Deine Motivation.

Wenn Du keine hast: finde eine.

3

Standortbeschreibung

Überlege Dir, wann, wie und wo Du Englisch benutzt und brauchst. Mach Dir bewusst, wie sicher Du in den einzelnen Bereichen bist. Setz Prioritäten.

4

Innenansicht

Wie viel Energie gibt Dir eine Tätigkeit? Was kostet Dich Energie? Was macht Spaß? Was nicht?

5

Teilziele

Setz Dir realistische Teilziele.

6

Kontext

Überleg Dir, unter welchen Umständen Du lernen kannst und willst.

7

Loslegen

Egal, ob Du jetzt weiter googelst, oder Dir Lernpartner, Materialien, einen Kurs oder einen Tutor suchst: Du hast jetzt einen Kompass in der Hand.

*Dieser Text wurde am 19.2.2021 aktualisiert.


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