April 11

Was ist das “singular they” und warum brauchst du es?

Ich habe ein Rätsel für dich. Wie füllst du die Lücken in diesen Sätzen?

A manager needs to make sure that ___ communicates clearly.

Everybody is responsible for ___ own luggage.

Who said that _____ wanted another ice-cream?

Every scientist should think about ____ audience.

Und, was hast du gewählt?

  1. “He” oder “his”
  2. “She” oder “her”
  3. “He or she” und “his or her”
  4. “(S)he” und “his/her”
  5. "They" und “their”

Das Problem kennen wir alle. Die Lösungen 1 und 2 sind unzeitgemäß. Wer ernsthaft behauptet, das jeweils andere Geschlecht soll sich "mitgedacht" fühlen, wird vom Publikum Stirnrunzeln ernten.

Disclaimer: Ja. Ich muss da im Blog noch nachbessern. Dringend. Dieser Artikel ist auch eine Selbstrüge.

Wie sieht das mit Lösung 3 und 4 aus? Stimmt, das sind ziemlich viele Wörter. So was liest sich auf Dauer nicht angenehm. Außerdem fühlen sich alle ausgeschlossen, die sich in binären Bezeichnungen nicht wiedererkennen.

Also: "They" und "their". Hast du sowieso gewählt? Vielleicht hast du trotzdem Lust, weiterzulesen.

Warum nicht "he or she"?

Wer Texte schreibt, kennt das Problem: Wie schreibe ich, ohne dabei Menschen auszuschließen? Und wer auf Englisch Texte schreibt, fragt sich das natürlich genauso.

Englisch hat ja bekanntlich den Vorteil, Substantive nicht explizit als männlich oder weiblich zu kennzeichnen. Doctors, managers, teachers, readers, writers, learners und thinkers sind an sich neutral. Bezeichnungen wie "foreman", "salesman" und "stewardess" bleiben problematisch, aber darüber sollte ich einen eigenen Artikel schreiben.

Das Ganze fällt sowieso in sich zusammen, sobald Pronomen mit ins Spiel kommen. 

Wie im Deutschen galt dabei auch im englischsprachigen Raum lange: "Na, alle, die halt nicht einfach nur männlich sind, sollen sich mitgedacht fühlen". Und das funktioniert bekanntlich nicht. Wenn wir "he" lesen, haben wir dabei eine männliche Person im Kopf. 

Pronomen und Lesegeschwindigkeit


Das Ganze wird verstärkt, wenn auch noch stereotype Geschlechterrollen dazu kommen. Julie Foertsch und Morton Ann Gernsbacher haben untersucht, wie lange Testpersonen brauchen, um einen Satz zu lesen, in dem erst eine Rolle (truck driver, nurse, surgeon, runner) und dann ein zugehöriges Pronomen verwendet wurden.


Ein Satz wie “A truck driver should never drive when sleepy, even if she may be struggling to make a delivery on time (…)” oder die Kombination von “nurse” und “he” brachte Lesende merklich ins Stutzen.

Wie wäre es mit "he" und "she" im Wechsel?

Weil sich "he or she" nicht so schön liest, wurden zeitweise auch im Englischen andere Lösungen ausprobiert, wie zum Beispiel der Versuch, weibliche und männliche Pronomen abzuwechseln. 

In Stephen Pinkers The Sense of Style sieht das zum Beispiel so aus:

“To avoid the awkwardness of he or she, I have borrowed a convention from linguistics and will consistently refer to a generic writer of one sex and a generic reader of the other."

Pinker wechselt die Pronomen von Kapitel zu Kapitel. Mich verwirrt das, weil ich mit jedem Kapitel wieder umdenken muss, wer jetzt schreibt oder liest oder spricht oder zuhört. 

Außerdem werden alle ausgeschlossen, die sich nicht als männlich oder weiblich verstehen.

Grundsätzlich gilt:
1. Texte sollen verständlich und klar sein.
2. Texte sollen niemanden ausschließen.

Nach und nach hat sich deshalb das "singular they" als eine mögliche Lösung durchgesetzt.

Was ist das "singular they"?

Mit dem "singular they" wird das Pronomen "they" für eine Person in der Einzahl verwendet.

A manager needs to make sure that they communicate clearly.

Every person is responsible for their luggage.

Who said that they want another ice-cream?

Every scientist should think about their audience.

Im Unterricht reagieren Lernende fast ausschließlich positiv auf das "singular they". Hurra, eine Lösung, warum haben wir sowas nicht auch im Deutschen? Ab und zu gibt es Augenrollen (“yeah, whatever, Frauen fühlen sich unterdrückt, blabla”). Oder sogar eine differenzierte Debatte über Diskriminierung und die Geschlechterverteilung in MINT-Fächern.

Und dann gibt es Menschen, die das "singular they" ablehnen und als Grund die Grammatik vorschieben. 

Gründe gegen das "singular they" und warum du es trotzdem verwenden solltest

2016 warnte Mignon Fogarty noch in ihrem Grammar Girl Blog:

“(…) It takes a bold, confident, and possibly reckless person to use they with a singular antecedent today” - nicht, weil sie das singular "they" ablehnt, sondern weil es damals noch nicht so weit verbreitet war. 

Als ich das gelesen habe, wurde mir ein bisschen mulmig. Natürlich wollte ich Lernenden gerne vermitteln, dass sie "bold" und "confident" mit ihrer Sprache sein können - aber "reckless"?

Warum also die Warnung? 

Das "singular they" ist grammatikalisch falsch.

Ja. Ich gebe es zu. Ich unterrichte eine Form, die grammatikalisch FALSCH ist. Reckless. Das Bezugswort und sein Pronomen sollten in der Zahl übereinstimmen.

Wer sagt das? DIE GRAMMATIK.

Tja. Die Grammatik hätte allerdings auch hierzu ein Wörtchen zu sagen:

A teacher who is also a father or mother needs to make sure that he has enough time for his own children.

Und genauso hierzu: 

A teacher who is also a father or mother needs to make sure that she has enough time for her own children."

Häh?

Oder das hier:

“So, what does your boss do when he is angry?”
“Actually, SHE deals with it quite well.”

Wer das “singular they” ablehnt, weil dann das Singular-Bezugswort und das Plural-Pronomen nicht mehr zusammenpassen, soll sich überlegen, ob es denn besser ist, ein männliches (oder weibliches) Pronomen für ALLE Menschen zu verwenden.

Warum also nicht: "A teacher who is also a father or mother needs to make sure that they have enough time for their own children."

Und bitte nicht jammern über “ja, aber das VERWIRRT mich so!” – Die Studie von Foertsch und Gernsbacher zeigt, dass ein “singular they” beim Lesen genauso schnell verarbeitet wird wie klischeegerechte Pronomen. 

Mittlerweile wurde die Debatte zugunsten des "singular they" entschieden. Englische Wörterbücher akzeptieren das "singular they", und auch einflussreiche Stilratgeber wie der APA Style Guide haben es als Standard-Option übernommen. 

APA formulieren das so:

"Writers should use the singular “they” in two main cases: (a) when referring to a generic person whose gender is unknown or irrelevant to the context and (b) when referring to a specific, known person who uses “they” as their pronoun."

Chelsea Lee // Welcome, singular "they"

Also, verwende das “singular they” wenn:

  • du über eine Person schreibst, deren Geschlecht irrelevant oder nicht bekannt ist, oder
  • du über eine Person schreibst, die sich selbst mit dem Pronomen “they” beschreibt. Achte zum Beispiel auf E-Mail-Signaturen: Im englischen Sprachraum geben hier immer mehr Menschen an, welche Pronomen sie verwenden.

Hinweis:

Falls du auf Englisch schreibst und publizierst, achte auf die Style Guides von Verlagen und Journals. Das hier ist eine Momentaufnahme. Im Einzelfall solltest du die Regeln der jeweiligen Publikation befolgen. Das hat pragmatische Gründe, aber gleichzeitig bekommst du so auch mit, wie sich die Debatte um Pronomen entwickelt. Und bitte, bitte, bitte: Style Guides zu lesen ist sowieso ein MUSS.

Das geht doch auch anders?

Hast du dich das schon bei den letzten Beispielen gefragt? Warum etwa nicht einfach den Plural verwenden? Genau. Sehr oft lässt sich das Problem umschiffen, und oft wird gerade dadurch die Sprache deutlicher.

Nochmal: Gute Texte sollten verständlich sein. Das lässt sich oft besser durch Umformulierungen erreichen, auch wenn du beim Schreiben vielleicht mehr nachdenken musst. 

Das "singular they" ist eine Lösung für ein echtes Problem. Wer Englisch lernt, findet hier eine sehr schnelle Möglichkeit, sich beim Sprechen oder Schreiben selbst zu korrigieren. 

Oft gibt es aber auch elegantere Alternativen. 

Pluralformen

Ist dir das schon bei den Beispielsätzen in diesem Text aufgefallen? Das geht auch so:

Managers need to make sure that they communicate clearly.

Oder noch besser:

Managers need to communicate clearly.

Oder:

All managers need to communicate clearly.

Und:

Scientists should think about their audience.
All scientists should think about their audience.

Oder:

Passengers are responsible for their own luggage.

Unpersönliche Formen

Management needs to communicate clearly. (anstatt "Manager")
Every scientist should think about the audience. (anstatt "their audience")

Das "singular they" ist also nur eine Möglichkeit, gendergerecht zu schreiben.

Vorteile für dich

Du verwendest Englisch differenzierter.

Du signalisierst: Mir sind gesellschaftliche Themen wie die Gleichberechtigungsdebatte wichtig genug, um sie auch in mein Lernen zu integrieren. Sprache ändert sich immer, und auch die Pronomenwahl wird sich vermutlich mit der Zeit weiter entwickeln. Ist das nicht spannend?

Du benutzt lebendige Sprache, und zwar nicht passiv. Du triffst bewusste Entscheidungen und kannst sie auch verteidigen. Lies dir gerne die Kommentare unter den Artikeln bei APA und Co. durch - spätestens dann merkst du, dass die Art, wie du Pronomen verwendest, zu einer lebendigen Debatte beiträgt. Es wird deinem Selbstbewusstsein gut tun, auf eventuelle Angriffe vom "common sense dictates"-Club und die "As an English teacher of 30 years I can tell you"-Breitseite angemessen (und nicht nur defensiv) reagieren zu können.

Deine Fremdsprachenkenntnisse beeinflussen auch, wie du über deine eigene Sprache denkst. Vielleicht. Das macht Englisch noch relevanter für dich.

Und du dachtest, hier gehts "nur" um Grammatik?

Zitierte Quellen: 

Foertsch, J. und Gernsbacher, M. A. (1997) 'In Search of Gender Neutrality: Is Singular They a Cognitively Efficient Substitute for Generic He?', Psychological Science, 8(2), pp. 106-111.

Fogarty, M. (2016) Singular 'They' Has Its Day, Available at: https://www.quickanddirtytips.com/education/grammar/singular-they-has-its-day?page=all (Accessed: 7th April 2020).
Lee, C. (2019) Welcome, singular 'they', Available at: https://apastyle.apa.org/blog/singular-they (Accessed: 7th April 2020).

Pinker, S. (2014) The Sense of Style, New York: Penguin.


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