Kognate – von Verwandten, Bekannten, Freunden und Verrätern

November 24, 2019

Was wäre, wenn du eine neue Sprache lernst, und Du kennst schon 20% der Wörter?

Super wäre das, oder?

Die gute Nachricht: Das ist gar nicht so irre. 

Echte Kognate: Lernen ohne Arbeit.

Stichwort: Cognates, oder Kognate, also Wörter, die sich in unterschiedlichen Sprachen ähneln. In der Schule haben wir Wörter wie inform, tolerate, character, information, police und mouse brav ins Vokabelheft geschrieben und sofort grün markiert.

Fast-Kognate: Nicht immer einfach zu finden

Die schlechte Nachricht: Kognate sind nicht immer einfach zu finden. Auch das kennt man aus der Schule, wenn Sprachlehrer gutgelaunt über Verbindungen zwischen Deutsch, Englisch und Latein sinnierten, auf einen Satz zeigten und dann die bedrohlichste aller Ermutigungen aussprachen: "Schau mal, das ist doch ganz einfach.”

Falsche Freunde: Die sind gar keine Kognate

Und die ganz schlechte Nachricht: Es gibt auch falsche Kognate. Die kennt man als falsche Freunde. Wer hatte nicht den Comic mit dem Kellner und dem Gast im Englischbuch - der, in dem der Gast fragt: "When will I become my steak?"

Become und bekommen sehen und klingen zwar ähnlich, haben aber unterschiedliche Bedeutungen. 

Was heißt das nun fürs Sprachenlernen?

Ein Beispiel aus dem Unterricht:

Ich arbeite mit einem Schüler am Gist reading, also daran, das generelle Thema zu verstehen, ohne Wort für Wort zu übersetzen. Mein Ziel: Einen Text lesen, ohne ständig zum Wörterbuch greifen zu wollen.

(Ich): Schau mal, da sind doch Wörter, die sind fast wie im Deutschen.
(Schüler): Tut mir leid, sehe ich irgendwie nicht.
(Ich): Hmmm, da ist ja ein Beispiel (ich zeige auf forbidden).
(Schüler): Nee, sorry.
(Ich): Lies das Wort mal vor.
(Schüler): Forbidden. Ach so! Heißt das verboten?
Ich: Ja, genau!

Eigentlich ist das unfair. In Quizshows vergessen die Kandidaten unter Druck auch alles, was sie wissen.

Im Idealfall nimmt mein Schüler eine Lernstrategie mit. Im Kopf den Text vorlesen hilft manchmal.

Kann auch nach hinten losgehen. Vielleicht ärgert er sich auch nur darüber, dass er nicht selbst auf die Lösung gekommen ist.

Im schlimmsten Fall empfindet er Sprachenlernen jetzt noch mehr als Rätselraten.

Wie kann man Wissen über Kognate also in der Praxis anwenden? Und: Kann man das lernen?

Wie nützlich sind Kognate in der Praxis?

Die Überschrift für diesen Artikel ist natürlich Quatsch. Ich weiß nicht mehr, wo ich diese Zahl gelesen habe, und im Zweifelsfall ging es da um zwei besonders eng miteinander verwandte Sprachen.

Aber ganz so dahergeredet ist das Versprechen auch nicht, sonst gäbe es diesen Artikel nicht.

Ich nehme das jetzt vorweg: Kognate trainieren unsere Fähigkeit, Wortfamilien und systematische Ähnlichkeiten zu erkennen. Und das sind Denk-Gewohnheiten, die das Sprachenlernen leichter machen.

Irgendwann habe ich mich aber gefragt, wie nützlich Kognate wirklich für den Unterricht sind. Also:

Wenn Du in pragmatischer Laune bist, kannst Du gleich zu den Lerntipps springen. Wenn Du Dich ein bisschen im Sprachmatsch suhlen willst, lies einfach weiter.

Was sind Kognate?

Kognat leitet sich vom lateinischen Wort cognatus ab (mitgeboren, verwandt). In der Juristensprache bezeichnet es einen Blutsverwandten, „durch Abstammung von denselben Eltern oder Voreltern” (Köbler, Juristisches Wörterbuch, 2003, S.289).

In der Sprachwissenschaft sind Kognate auch Verwandte, also Wörter, die einen Ursprung teilen, und zwar egal, ob in der gleichen oder in unterschiedlichen Sprachen. Allerdings würde man innerhalb einer Sprache eher nicht von Kognaten sprechen, sondern von Wortfamilien.

Die Verwandtschaft ist oft orthografisch sichtbar, also in der Schreibweise, oder man hört sie: Maus und mouse sehen auf den ersten Blick anders aus, ähneln sich aber phonetisch.

Klingt einfach, ist es aber eher selten, auch deshalb, weil die indoeuropäischen Sprachen eine alteingesessene Großfamilie sind. Albanisch, Griechisch und die slawischen Sprachen gehören genauso dazu wie Deutsch und Englisch. In mehr als einem Jahrtausend Sprachgeschichte tut sich so Einiges.

Erste Hilfe: Latein!

Meine Achtklässler haben mich früher manchmal gefragt, warum sie eigentlich weiter Latein lernen sollten.

Meine immer gleiche Antwort: Weil es super für euer Englisch ist. Und euer Deutsch. Und Französisch. Egal wie, es ist nützlich. Auch, wenn ihr später weder in der Anwaltskanzlei noch im Krankenhaus arbeiten wollt.

Hattest Du auch Latein in der Schule und kennst das Gefühl, dass die ganze Welt voller Silben aus dem Stowasser besteht? Nein? Macht nichts. Auch, wenn Du noch nie ein lateinisches oder griechisches Wörterbuch in der Hand hattest, kannst Du sicher etwas mit den Vorsilben pro-, contra-, ante-, post-, semi- und ultra- anfangen. Auch bio-, phon- und pseudo- sind machbar. Wir sehen solche Silben ständig, ganz besonders in Fachwörtern.

Schwieriger wird das etymologische Puzzlespiel, wenn man es mit entfernteren Verwandten zu tun hat.

Etymologia

"Erklärung der Wörter aus ihrem Wortstamm, Lehre von der Wortableitung"

"Etymologie“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wb/Etymologie, abgerufen am 10.11.2019.

Stichwort Lautverschiebung.

Noch Lust? Prima. Weiterlesen.

Kleiner Exkurs zur germanischen Lautverschiebung

Vor einigen Jahren saß ich auf einem sehr kleinen Stuhl an einem sehr kleinen Tisch voller Buntstifte, umgeben von sehr aufmerksamen britischen Fünftklässlern.

Ein Kollege erklärte gerade, dass Englisch und Deutsch oft so ähnlich klingen, weil sie zur gleichen Sprachfamilie gehören, dass aber das Deutsche irgendwann eine Lautveränderung durchgemacht hat.

Und jetzt heißt es eben in der einen Sprache pan, penny, pool und pipe, und in der anderen Pfanne, Pfennig, Pfuhl und Pfeife. Da wurde der /p/-Laut zu einem /pf/-Laut.

Es gibt eine Regel! Welchem Sprachenlerner fällt in so einem Moment nicht alles Mögliche vom Herzen. Die fünfte Klasse wurde sofort kreativ. Kochen die Deutschen dann auch im Pfot, schreiben auf Pfaper und benutzen Pflastikpfackages? Nein, also das funktioniert nicht immer, und das mit dem Plastik im 5. Jahrhundert ….

Trotzdem:

In wenigen Wörtern hatte der Kollege einen Teil der Lautverschiebung in den indogermanischen Sprachen erklärt. Sprachwissenschaftler sprechen von zwei solcher Lautverschiebungen, die über mehrere Jahrhunderte hinweg stattfanden.

In der ersten Lautverschiebung trennten sich die germanischen Sprachen von den anderen indogermanischen Sprachen.

Beispiele:

  • pedes (Latein) wird zu foot (Englisch), weil der p-Laut zu einem f-Laut wurde.
  • duo (Latein) wird zu two (Englisch), weil der d-Laut zu einem t-Laut wurde.

In der zweiten Lautverschiebung hat sich noch das Hochdeutsche lautlich verändert. Deshalb sind sich Niederländisch und Englisch näher als Englisch und Deutsch. 

Beispiel:

  • Foot - Fuß (t wird also zu s)
  • Two - Zwei (t wird zu z)
  • Door - Tür (stimmlos wird stimmhaft)

Und eben auch: Pan wird zu Pfanne (p wird zu pf)

Lesetipp

Eine Einführung gibt es bei Kristin Kopf im Kleinen Etymologicum. 

Die wenigsten Sprachenlerner werden diese Verschiebungen im Detail lernen (und wenn, dann vielleicht, um sich vorm Sprechen zu drücken!). Für die meisten kann das aber eine kleine Wissensspur sein, die bei Gelegenheit den Gedanken anregt: Moment, das kenne ich irgendwoher. 

Warnung: falsche Freunde

Familienähnlichkeiten können leider auch täuschen. Ganz schlimm sind Wörter, die als Kognate daherkommen, aber keine Verwandten sind. Die sind dann nur Freunde, und dazu noch falsche.

Der Klassiker ist Mist. Auf Deutsch ist das ein mildes Schimpfwort, beschreibt aber auch eine Mischung aus Stroh und Dung. Auf Englisch heißt Mist aber nicht Mist, sondern “dung”, und “mist” heißt Nebel. Daher die Geschichte mit dem Rolls Royce, der eigentlich “Silver Mist” heißen sollte, aber mit einem Blick auf den deutschen Markt in “Silver Shadow” umbenannt wurde.

Aber warum sind Kognate trotzdem so nützlich fürs Lernen?

Warum mag unser Gehirn Kognate?

Unser Gehirn ist faul. Oder es arbeitet wirtschaftlich, das klingt besser. Der Reiz von Kognaten liegt möglicherweise darin, dass wir weniger lernen müssen, weil wir es mit ähnlichen Formen zu tun haben. 

Vokabeln zu lernen ist ziemlich komplex, wir müssen Aussprache, Schriftbild, Bedeutung, grammatische Formen, die Anwendung des Wortes innerhalb der Sprache und einen Berg anderer Informationen lernen, damit wir das Wort nicht nur irgendwie verwenden, sondern so, dass andere uns richtig verstehen. Wenn wir Glück haben, fallen eine oder mehrere dieser Informationen weg: Für die Vokabel “museum” muss unser Gehirn einfach weniger arbeiten als für “playground”.

Dass wir Kognate aber oft auch schon beim ersten Lesen erkennen und beinahe sofort verwenden können, hat möglicherweise auch mit der Struktur unserer Erinnerung zu tun.

Intuitiv gehen wir vielleicht davon aus, dass unser Gehirn verschiedene Sprachen in verschiedene Schubladen steckt. Es ist aber möglich, dass unser Gehirn Ähnliches zu Ähnlichem packt, egal in welcher Sprache. 

Psychologen, die sich mit der Struktur unserer Erinnerung beschäftigen, sprechen in diesem Fall vom “integrated memory system”, also einem System, das zusammenpassende Informationen aus unterschiedlichen Sprachen zusammen organisiert (Sánchez-Casas, García-Albea, 2005).

Danach behandelt unser Gehirn Kognate genauso wie Wörter aus der gleichen Wortfamilie in der gleichen Sprache: Wer die englischen Wörter marriage und marry kennt, wird die französischen Wörter marriage und marier schneller verstehen und auch verlässlicher abrufen können (De Groot; Van Hell, 2005).

Entscheidend ist dabei die Morphologie des Wortes, also die Bausteine, aus denen es besteht. Gerade bei Wörtern, die sich aus lateinischen oder griechischen Silben ableiten, geht das super.

Warum nutzt uns das im Alltag nicht immer?

Leider ist die Alltagssprache Kognaten nicht immer wohlgesonnen. Bei Latein denken wir an Jura und Medizin, nicht an Besprechungsraum und Kantine. Wenn auf dem Zettel vom Arzt grippaler Infekt steht, melden wir uns telefonisch wegen Grippe krank. Auch die Briten nennen das flu und nicht influenza. Und wer sagt schon “I cannot tolerate your extravagance”, wenn die Tochter vier Scheiben Käse aufs Brot legt? “I can’t put up with your wastefulness” passt einfach besser in die Wohnküche. Ist aber auch schwieriger zu lernen.

Wer also Latein gelernt hat, kennt zwar viele Kognate, spricht dann aber vielleicht etwas seltsam. Kurz, nachdem ich nach England gezogen war, meinte eine Bekannte auf einer Party zu mir: Du bist aber ganz schön akademisch. Sollte heißen: Du sprichst in Fremdwörtern, kein Mensch versteht dich.

Mein Gehirn war aber ganz sicher nicht besonders engagiert, sondern faul. Ich habe deshalb in sehr vielen Kognaten gesprochen, die für meine Bekannte wie Latein klangen. Waren sie ja auch.

Was bringt Dir das als Sprachenlerner?

Klar: Wenn ich von lateinischen Wortwurzeln spreche, oder von der Lautverschiebung und anderen regelhaften Ähnlichkeiten, dann ist das für mich ein intellektueller Spaß. Reine Freude am Besserwissen. Was Sprachschweine eben so antreibt. 

Aber das würde Dir alles nichts bringen, wenn es keinen praktischen Nutzen gäbe, richtig?

Du hast mittlerweile sicherlich gemerkt, dass es hier gerade nicht um schnelle Tricks geht.

Zum nachhaltigen Sprachenlernen braucht man aber eine ganze Kiste an Denkgewohnheiten und Strategien, die das Ganze insgesamt leichter machen. Und die sind vielleicht auch nicht nur fürs Englischlernen nützlich.

Nicht für die Schule lernen wir…

Aus Neugier habe ich mir angesehen, was britische und deutsche Lehrpläne zum Thema Kognate sagen.

Das britische National Centre for Excellence for Language Pedagogy (NCELP) erklärt zum Beispiel, dass Schüler in der elften Klasse systematische Ähnlichkeiten zwischen Sprachen erkennen müssen, um in Fremdsprachenprüfungen auch Wörter zu verstehen, die sie vorher nicht gesehen haben.

Das Ziel ist nicht, Schüler mit der Hochdeutschen Lautverschiebung zu quälen, sondern flexibles Denken zu fördern.

Wie lerne ich flexibles Denken?

Aha, und wie übt man das?

"design activities that encourage pupils to notice patterns in the language and relate these to English. This sort of learning supports the kind of flexibility of thinking that is needed to succeed in the higher GCSE reading and (perhaps to a lesser extent) listening exams."

Hawkes et. al. Making language learning make sense at the National Centre for Excellence for Language Pedagogy (2019).

Wir ignorieren jetzt, dass es hier um Prüfungserfolg geht und achten auf die einzelnen Schritte:

  • üben (activities)
  • den Blick für Muster schärfen (notice)
  • bewusst über Sprachbeziehungen nachdenken (relate)
  • flexibel denken (flexibility of thinking)

Der Nutzen von Übungen zu Kognaten ist also nicht, dass man ganz schnell ganz viele Sprachen lernt. Man bekommt aber Erfahrung im Erkennen von Mustern. Flexibles Denken ist doch eine tolle Fähigkeit. Wenn Sprachen mir helfen, das zu üben: gerne.

Auch der Kernlehrplan Englisch für die Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen fordert die Fähigkeit, „im Vergleich des Englischen mit der deutschen Sprache oder anderen vertrauten Sprachen Ähnlichkeiten und Unterschiede [zu] erkennen und benennen” (Kernlehrplan für die Sekundarstufe I Gymnasium in Nordrhein-Westfalen. Englisch, 2019, S.22)

Aber auch hier steht die sogenannte erweiterte Sprachkompetenz im Vordergrund. Will heißen: Es ist nicht so wichtig, wie viele lateinische Vorsilben Du kennst. Es ist wichtig, dass Du nutzt, was Du schon weißt. Dann musst Du nicht jedes Mal von Neuem anfangen, wenn ein Wort mit di-, bio- oder contra- anfängt.

Je mehr Muster, Beziehungen und regelhafte Veränderungen man so nach und nach aufschnappt, desto leichter wird es. Sogar beim Cryptic Crossword-Lösen.

Und was heißt das jetzt konkret? Tipps, bitte!

Viel lesen, viel hören

Ganz wichtig ist es, Kognate zu erwarten und zu erkennen. Fang gerne mit den richtigen, echten, einfachen Kognaten an. Lies oder hör Texte und achte auf Wörter, die genauso klingen oder aussehen wie im Deutschen oder einer anderen Sprache, die Du schon kennst.

Reflektieren

Mach Dir ruhig den Spaß, nach Unterschieden zwischen Sprachen zu suchen, die einer Regel folgen. Das können kleine Unterschiede in der Schrift sein, wie bei Character/Charakter, oder sie hängen mit der Wortbildug zusammen. Characteristic/charakteristisch, zum Beispiel. Wenn Du mit einem Lehrer zusammen arbeitest, könnt Ihr weitere Beispiele sammeln, wenn Ihr eine solche Regelhaftigkeit gefunden und besprochen habt.

Wortwurzeln aufstöbern

Mach Dir eine Liste mit üblichen Wortwurzeln aus dem Griechischen oder Lateinischen. 

Wie man die findet? 

Du kannst sie im Internet nachlesen, aber auswendig lernen ist ja immer mühsam. 

Wenn Du viele wissenschaftliche Texte liest, siehst Du solche Silben vermutlich sowieso sehr oft. 

Wenn Du mit einem Lehrer zusammen arbeitest, könnt Ihr ab und zu gezielt nach Wurzelwörtern stöbern.

Oder fang einfach mit ein paar der üblichsten Silben an und achte darauf, ob bestimmte Silben immer wieder vorkommen, wenn Du deutsche und englische Wörter vergleichst. 

In diesem Text habe ich schon einige genannt:

Du sicher etwas mit den Vorsilben pro-, contra-, ante-, post-, semi- und ultra- anfangen. Auch bio-, phon- und pseudo- sind machbar. Wir sehen solche Silben ständig, ganz besonders in Fachwörtern.

Viel Lesen, viel hören. In der eigenen Sprache

Wie bei allen Trüffelsuchen gilt es, geduldig zu bleiben. 

Das Spiel funktioniert in beide Richtungen: Je mehr Wortfamilien ich schon kenne, desto einfacher fällt es mir, neue Wörter einzusortieren. Also weiter am Wortschatz in der eigenen Sprache bauen. Wie mache ich das? 

Unbedingt alle falschen Freunde aufschreiben!

Leider kann man falsche Freunde nicht schon am Aussehen erkennen. Das ist bei Menschen ja auch so. Achte bei unbekannten Wörtern immer darauf, ob sie im Zusammenhang Sinn machen, oder ob irgendwas nicht ganz passt.

Beispiel:

I am irritable today, I shouted at my husband for no particular reason.

Irritable mag an das deutsche Wort “irritiert” erinnern. Unser kluges, faules Gehirn denkt: aha, kenne ich. Aber Achtung, passt das im Satz? Warum sollte ich meinen Mann anschreien, weil ich verwirrt bin? Stop. Nachlschauen. Ach. Reizbar! Na, das passt besser. Und jetzt unbedingt aufschreiben.

Falsche Freunde solltest du dann auch unbedingt üben. Denke darüber nach, in welchen Situationen Du irritable bist oder warst und mache ein paar Sätze dazu:

I am irrtable, when I am hungry.
My mother is irritable when she has cold feet.
Yesterday, I was irritable because I had a cold.

So kannst Du Dein Gehirn davon überzeugen, das Wort nicht mehr einfach in die irritiert-Schublade zu werfen, sondern brav als neues Wort zu kategorisieren. 

Und wenn Du ganz fleißig sein willst, schaust Du vielleicht sogar nach, woher die Wörter kommen.

Irritare heißt reizen und ärgern auf Lateinisch, was dem englischen irritate und damit auch dem Adjektiv irritable entspricht. 

Im Deutschen heißt irritieren zwar auch reizen und stören, besonders im medizinischen Gebrauch, aber seit dem 19. Jahrhundert benutzen wir es auch im Sinne von verwirren oder aus dem Konzept bringen. Warum? Weil es so ähnlich klingt wie ‘irren’. Wenn Du ganz neugierig bist, kannst Du Dir dazu die Wortverlaufskurve im digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache ansehen.

Die Investition lohnt sich. Je mehr Du über so einen falschen Freund weißt, desto leichter erinnerst Du Dich später wieder daran, dass da ein Problem war. 

Mit meinen Schülern übe ich sowas immer mal wieder. Was heißt das Wort? Da ziehe ich dann oft einfach die Augenbrauen hoch, ein Signal, mal kurz zu prüfen, ob es nicht irgendeinen kleinen Anhaltspunkt in der eigenen Sprache gibt: 

  • Wie klingt das Wort?
  • Aus welchen Teilen besteht es?
  • Kenne ich so ein ähnliches Wort?

Es lohnt sich, dieses “Rätselraten” ein bisschen zu üben, anstatt sofort zum Wörterbuch zu greifen. 

Dafür habe ich mir auch abgewöhnt, zu sagen: “Das ist doch ganz einfach.”

Flexibles Denken für alle.

Quellen


de Groot, A. und van Hell, J. (2005). The Learning of Foreign Language Vocabulary. In: Kroll, J., de Groot (eds.) Handbook of Bilingualism, Oxford University Press.

Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de.

Kernlehrplan für die Sekundarstufe I Gymnasium in Nordrhein-Westfalen. Englisch, 2019, S.22

Hawkes, R., Marsden, E., Avery, N., Kasprowicz, R. & Woore, R. (2019). Making language learning make sense at the National Centre for Excellence for Language Pedagogy. Languages, Society & Policy.

Sánchez-Casas,R. und García-Albea, J. (2005).The Representation of Cognate and Noncognate Words in Bilingual Memory. In: Kroll, J., de Groot (eds.) Handbook of Bilingualism, Oxford University Press.

Habt Ihr noch mehr Tricks und Tipps dazu, wie man Kognate beim Sprachenlernen benutzen kann? Bitte in die Kommentare schreiben, ich freue mich!

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