Januar 11

2020: Mein Jahr vor dem Bildschirm

Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, sage ich: “Ich bin Englischtrainerin und Coach.” Ein Kind würde sagen: “Sie schaut den Computer an, und manchmal spricht sie mit ihm.”

Das mit dem Kind ist ausgedacht, beziehungsweise habe ich das so ähnlich mal irgendwo gelesen. Es stimmt aber. Ich bin professionelle Laptop-Betrachterin. Wie fast alle Menschen, die ich kenne.

Der Independent hat im Sommer über eine Studie berichtet, nach der erwachsene Briten mehr als die Hälfte ihres Lebens vor Bildschirmen verbringen. Wer 62 Jahre alt wird, hat davon dann 34 Jahre vor Laptop, Handy, Fernsehen etc. verbracht. Wow.

Life time is screen time.

2020 Jahr war ... anders. Und ich habe Glück: Für mich war die wohl einschneidendste Veränderung, dass ich beruflich und auch privat fast nur noch mit meinen “luminous rectangles” spreche, den leuchtenden Vierecken. Also ist der Jahresrückblick ein Blick auf den “screen”.

Die Sache mit der Zeit

Online spart Zeit

Ganz ehrlich, ich wollte schon immer online unterrichten. Ich habe im “Außendienst” erlebt, wie kräfteraubend Offline-Training für Trainer und Schüler sein kann. Reisezeit planen, Parkplatz suchen, sich sortieren, Unterricht, einpacken, wieder losdüsen.

Mich hat immer gefuchst, wie viel Zeit dabei verschwindet. Meine und die meiner Schüler.

Wenn für 45 Minuten Unterricht locker 90 Minuten Zeit draufgehen, ist es ja kein Wunder, wenn Lernende sagen: Ich habe keine Zeit für Englisch.

Online läuft das anders. Kein Stau. Kein zugeparktes Auto. Keine vergessenen Materialien. Wer lernt, nimmt sich für 45 Minuten Training 60 Minuten Zeit, inklusive Sachen zurechtlegen und ein Glas Wasser hinstellen.


Soweit die Theorie, und größtenteils stimmt es auch.


Im Offline-Training wollten Lernende oft längere Stunden haben, “damit sich der Aufwand lohnt”. Das ist aber nicht immer sinnvoll, und schon gar nicht 1:1. Jeder Sprachenlehrer betet das Mantra runter: “little but often”. Online kann ich entspannter planen und mit neuen Modellen experimentieren. Wie oft soll Training stattfinden? Wie bekommen wir es hin, dass auch zwischendurch Zeit für Englisch ist? Welche Tageszeit ist am besten? Eher seltener live? Lieber in kleinen Snack-Zeiten? Was geht selbstständig, was nicht?

Wenn man erst mal von dem üblichen Zeitmodell runter ist, gibt es plötzlich sehr viel Raum für neue Ideen.

Das Ergebnis waren neue Modelle wie Zeitkonten und “Daily Doses of English”. Da geht auch 2021 noch viel.

Online kostet Zeit.

Alle neuen Fähigkeiten kosten Zeit, das erzähle ich im Training immer wieder. Und das war auch dieses Jahr nicht anders. Tools wählen, Technikzeug lernen, Materialien anpassen, Methoden erweitern: 2020 war ein richtiges Lernjahr. Das ist toll. Aber die Zeit dafür muss man sich nehmen.

Online ist eine Flexibilitätsfalle.

Wenn ich immer nur zwei Mausklicks von einem Termin entfernt bin, ist es verführerisch, sehr flexibel mit der eigenen Zeit umzugehen. Klappt nicht. Schlaucht. Zerbröselt die Woche.

Online muss auch mal Pause machen. 

Training am Bildschirm ist intensiv, für alle Beteiligten. Wer 45 Minuten lang im 1:1 gearbeitet hat, ist danach durch. Wie nach einem guten Workout. Das gilt für die Lernenden, klar. Aber auch ich brauche etwas Zeit, um mich zu strecken, den Kopf frei zu bekommen, mich auf ein neues Gespräch einzustellen.

Also: Planen

Aufgaben sind nicht plötzlich schneller erledigt, nur weil man “eh schon am Computer sitzt”, die Woche hat genauso viele Stunden wie vorher, und zerfledderte Zeit zählt eigentlich nur noch halb. Mir helfen die Zeitblöcke, die Claudia Kauscheder auf ihrem Abenteuer Homeoffice-Blog vorstellt.

Die Sache mit der Aufmerksamkeit

Die Sache mit der Zeit ist auch die Sache mit der Aufmerksamkeit.

Ich hatte diese Idealvorstellung vom ruhigen Homeoffice, wo man mit einer Tasse Tee sitzt und konzentriert arbeitet. Funktioniert auch wunderbar. Wenn nicht gerade 4 Wochen lang das Bad umgebaut wird. Oder der Paketdienst klingelt. Oder das Dachgeschoss im Hochsommer auf 40 Grad kommt.

Meinen Schülern geht es nicht anders. Sie kommen zwar nicht abgehetzt und hungrig aus dem Büro, aber sie waren vielleicht vor 5 Minuten noch in einer Besprechung. Oder die Kids erzeugen ominöse Geräusche im Hintergrund, der Hund kratzt an der Tür oder Slack nervt. Da sind viele Bälle gleichzeitig in der Luft.

Ja, die Fahrt zum Unterricht kann unheimlich anstrengend sein. Sie bildet aber auch eine Brücke zwischen Aktivitäten und signalisiert: Jetzt kommt was Neues.

Online muss ich mir die Brückenzeiten selbst bauen, um das innere Äffchen von seinem “Alles ist interessant!”-“Ich könnte noch schnell...!”-Bäumchen zu holen. Bei mir funktionieren Mini-Meditationen, aber auch Burpees. Frag mich bitte nicht, warum die so heißen.

Die Sache mit den Tools

Die Lehrerausbildung in England ist techniklastig. Kollaboratives Schreiben, interaktive Whiteboards, iPads, Programme, die Schülern beim selbstständigen Sprachenlernen helfen, Trainingsvideos, Screencast-Feedback – gehört alles dazu. Kann viel Spaß machen und gut funktionieren. Kann aber auch schief gehen.

Meine Mentorin hat mal gesagt: Sei immer darauf vorbereitet, irgendwann ohne Materialien oder Technik vor einer Klasse zu stehen. Dafür bin ich ihr immer noch dankbar. Training in den Erste-Hilfe-Raum verlegt? Stromausfall? Netzwerk zusammengebrochen? Alles schon passiert.

 Für den Online-Unterricht gilt deshalb bei mir auch:
  • Weniger ist mehr.
  • Technik muss zum Lerner und zu den Zielen passen, nicht umgekehrt.
  • Technik ist eine unzuverlässige Tussi.

Also habe ich mir eine Plattform für den Unterricht ausgesucht und erst mal klein angefangen. Später kam nach und nach mehr dazu, aber auch mit Mikro, Kamera und Chat-Funktion lässt sich schon sehr viel machen.

Gleichzeitig habe ich natürlich trotzdem fröhlich mit “shiny objects” gespielt, am liebsten zusammen mit anderen wie im Lernraumdesign-Workshop mit Sandra Schmid.

Die Sache mit den sozialen Beziehungen

Ich dachte ja: Oh S**t, da mache ich mich selbstständig und ein paar Monate später werden Kontakte eingeschränkt. Was macht denn jetzt so ein soziales Wesen wie das Language Pig?

Also, DARUM hätte ich mir keine Sorgen machen müssen.

Meine Schüler fanden Online-Unterricht erst schräg. Und aufregend. Fremdsprache, Technik, neue Umgebung – das ist alles nicht so ohne.

Glücklicherweise gibt es Möglichkeiten, auch online eine entspannte Atmosphäre zu gestalten. Aber auch die Herausforderung kann positiv sein: Hui, da geht der Puls ein bisschen hoch, das fühlt sich realistisch an. Und das ist gut.

Eine typische Sorge von Sprachenlernern ist, dass das mit dem Trainer zwar alles wunderbar und entspannt funktioniert, aber im “echten Leben” alles anders ist. Im “echten” Meeting geht das “bestimmt” nicht so leicht, beim “echten” Telefonat droht die Schnappatmung.

Online ist prima fürs Scaffolding, also um unterschiedliche Schwierigkeitsgrade auszuprobieren, vom entspannten Gespräch über Visualisierung, simulierte Telefonate und: Videokonferenzen. Die Umgebung ist zwar virtuell, aber realistisch. Denn wer im Training regelmäßig Englisch spricht, nachfragt und nebenbei Technikprobleme löst, bleibt auch in der freien Wildbahn gelassener. Und: Die “freie Wildbahn” ist vermutlich genau der gleiche Tisch, Stuhl und Computer, an denen man auch geübt hat. Nur eben mit anderen Gesichtern auf dem Bildschirm.

Und ich selbst so? Ich saß plötzlich in Webinaren, Workshops und Trainings mit Menschen, mit denen ich offline niemals in Kontakt gekommen wäre. Die ganz andere oder ähnliche Jobs machen, ganz andere oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die ich immer faszinierend finde. Sie haben mich zum Lesen inspiriert, wir haben gemeinsam über WordPress gerätselt, uns in Co-Workings und Mastermind-Gruppen gegenseitig motiviert, über Kreativität und Washi-Tapes geplaudert, gemeinsam geschrieben und gesungen. Ich bin 2020 sehr dankbar für diese neuen, überraschenden und inspirierenden Kontakte.

Der rege Austausch mit anderen war übrigens auch der Anlass für meinen Artikel zum Englisch-Lernen mit Accountability-Partnern, “Wer gehört zu dir?”

So ähnlich war das auch mit der Kultur. Wir sind im Moment öfter “in England” unterwegs, sehen Livestreams von Theaterstücken, Konzerten und kleinen Gigs, die wir sonst verpasst hätten. Buchclub mit einer amerikanischen Autorin? Geht. Live-Gig im “Barbican”? Geht. Teekränzchen mit British-Folk-Fans? Geht. Ich bin dankbar dafür, dass wir Künstler auf diese Weise unterstützen konnten.

Die Sache mit dem Online-Offline-Leben

Obwohl so viel online passiert ist, habe ich gefühlt auch offline viel erlebt und genossen. Spaziergänge. Persönlich und auf Abstand, mit Hörbuch (also doch wieder Bildschirm...)  oder ohne Ablenkung. Ich bin noch nie so viel so gerne in der gleichen Umgebung spazieren gegangen. Im Wald, am See, wieder im Wald, am Kanal, wieder am See, durch die Stadt.

Früher war zu Hause der ruhige Ort, und draußen war das Leben. Jetzt finden Familienfeste, Netzwerken, Freundschaften, Yogastunden, Festivals, Konferenzen, Konzerte, Theater, Buchclubs und Gesangsunterricht auf dem Bildschirm zu Hause statt, und Ruhe und Rückzug eher im Freien.

Und jetzt?

2021 wird das Language Pig online bleiben.

Wenn möglich wird es aber noch mehr Verbindungen zwischen online und offline geben. Und natürlich wünsche ich mir, dass die Online-Welt allgemein wieder eine Ergänzung zur Offline-Welt wird, kein Ersatz. Dass Englisch-Lernende, die sich mit Arne und Carlos auf Youtube angefreundet haben, auch im echten Leben andere beim Knit and Natter treffen, zum Beispiel. Dass Walk & Talk super für die tägliche Dosis Englisch funktioniert, aber eben auch für Austausch mit anderen.

Egal, wie toll die “luminous rectangles” sind: 34 Jahre will ich dann doch nicht vor ihnen verbringen. Auch nicht, wenn ich 100 werde.

Anmerkung: Ich wollte keinen Jahresrückblick schreiben.

Wenn ich bedenke, wie anstrengend dieses Jahr für so viele Menschen war, und wie verhältnismäßig einfach ich es hatte: Sollte ich nicht die Klappe halten? Außerdem ist der Jahreswechsel nur ein Datum. Alles bleibt unsicher, egal, wie sehr wir uns ein “besseres 2021” oder “endlich wieder schönes Wetter” wünschen. Da bin ich zynisch.

Tjaaa, und dann kam ein Schreibworkshop bei Eva-Maria Lerche um die Ecke, und damit die Herausforderung, eben doch “richtig” über MEIN 2020 nachzudenken.

Und 2020 war nun mal auch mein erstes komplettes Language Pig Jahr. Und es war nun mal ein Jahr, in dem sich bei mir eigentlich alles um “Online” gedreht hat.

Ich bin also zusätzlich dankbar für Jahresrückblicke. Und bin sehr gespannt auf den nächsten. Auch wenn es nur ein Datum ist.

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